Realming und Corona

Realming bietet ein Modell zur existenziellen Orientierung. Das bedeutet, dass Realming die menschliche Existenz, die Gewissheit des eigenen Da-Seins, als sicheren und gewissen Ausgangspunkt für seine Betrachtungen nutzt. In einer Zeit, in der gesichertes Wissen, also Gewissheiten, immer schwieriger von schlichten Meinungen und Lügen unterschieden werden können, erscheint mir das als eine sehr hilfreiche Perspektive.
Die Fragen, die Realming stellt, lauten einfach: Was braucht es notwendig, damit ein Mensch als Mensch leben kann? Oder auch: Welche Aufgaben muss ein Mensch verpflichtend erfüllen, um am Leben zu bleiben? Die Antworten auf die erste Frage lauten: Menschen brauchen eine Umgebung, sie brauchen einen Körper und ein Bewusstsein. Die Antworten auf die zweite Frage sind: Menschen müssen sich von den Umgebungen abgrenzen, sich mit ihnen austauschen und diese Prozesse müssen reguliert werden.
Das sind natürlich sehr abstrakte Betrachtungen, aber mit dem Phänomen Corona lassen sie sich gut veranschaulichen.

Die Umwelten

Corona ist ein Phänomen der Umwelt. Diese Umwelt weist zunächst physikalische Aspekte auf – also die Erde an sich, das Klima, die Schwerkraft, eben alles was in der physikalischen Welt der Ursachen verankert ist.
Zur Umwelt gehört natürlich auch der ganze Bereich der Biologie – das Leben an sich, das uns Menschen im Verlauf der Evolution erst hervorgebracht hat. Diese biologische Umwelt ist also die notwendige Grundlage jeglicher menschlichen Existenz. Insbesondere die Biosphäre stellt uns Sauerstoff und Nahrung zur Verfügung, aber sie bietet natürlich auch Stechmücken, Zecken, Bakterien und Viren.
Eine weitere Umwelt stellt das soziale Gefüge dar. Menschen sind zutiefst, und biologisch bestimmt, soziale Wesen. Ohne soziales Gefüge gäbe es keine Sprache, keine Kultur und keine technologische Entwicklung. Mit der Kultur begann die Kulturelle Evolution, die bis heute anhält.
Für den einzelnen Menschen ist eine weitere grundlegende Umgebung die bedeutsame Beziehung zu einem Mitmenschen. Ausgehend von der Bindungsbeziehung sind die uns nahen Menschen notwendig dafür, dass wir uns zu bewussten und vernunftbegabten Personen entwickeln können.
Keine dieser drei Umwelten ist verzichtbar. Auch nicht die letzte, denn die nahen Menschen leben auch dann in unserem Bewusstsein, wenn sie körperlich abwesend sind.

Die Lebenspflichten

Um am Leben zu bleiben, müssen alle Lebewesen, also auch Menschen, sich von der Umwelt abgrenzen. Schädliches muss möglichst draußen gehalten werden, bekömmliches soll hereinkommen, überflüssiges wieder ausgeschieden werden. Das heißt, über die Grenzen hinweg, bzw. durch sie hindurch muss ein Austausch erfolgen. Dieser Austausch muss in irgendeiner Form so geregelt werden, dass das Leben bewahrt wird.
Man könnte das menschliche Immunsystem als eine Art innere Grenze betrachten. Partikel, die über Hautöffnungen in den Organismus gelangt sind, können erkannt und neutralisiert werden. Das funktioniert um so besser, je bekannter die Eindringlinge schon sind. Bei neuen und unbekannten Invasoren kann diese innere Grenze versagen.
Im schlimmsten Fall dringt das Corona Virus in die Lungen vor, und zerstört deren Fähigkeit zum Gasaustausch, der infizierte Mensch droht zu ersticken. Zum Glück wird das menschliche Immunsystem von einem sozialen Immunsystem unterstützt. Medizinisches Knowhow und Versorgung können den betroffenen Menschen helfen. Epidemiologisches Knowhow kann dabei helfen, weitere Ansteckungen zu verringern. Falls dann der Erkrankte auch noch über ein stabiles psychisches Abwehrsystem verfügt, hat er gute Chancen, die Krankheit zu überstehen.

Bewusstsein kann Orientierung geben

Auch das menschliche Bewusstsein ist nicht ohne Voraussetzungen. Bevor etwas bewusst werden kann, muss es bemerkt werden. Im nächsten Schritt muss die Relevanz des Bemerkten eingeschätzt, also bewertet werden, und nur wenn eine Handlungsoption gegeben ist, kann es voll und ganz bewusst werden.
Im Falle des am Corona Virus erkrankten Menschen, gibt es Husten, Fieber etc., was nicht unbemerkt bleibt. Was ist die Ursache dieser Krankheit? Die Virologie kann Auskunft geben – es gibt eine neue Variante des Corona Virus. Die Bewertung fällt nicht schwer, eine Ansteckung ist bestenfalls lästig und schlimmstenfalls tödlich, das Virus also eher schlecht für Menschen.
Etwas anspruchsvoller wird jetzt der Umgang mit dem Erreger. Es gibt zunächst weder wirksame Medikamente noch eine Impfung gegen ihn. Es müssen erst Erfahrungen gesammelt werden. Experimente müssen designt, durchgeführt und ausgewertet werden, Substanzen getestet und Behandlungen erprobt. Bis eine wirksame Therapie gefunden wird, kann es zunächst nur darum gehen, die Verbreitung des Virus aufzuhalten.

Herausforderung

Wenn Grenzen überwunden werden, wird das Leben bedroht. Das Corona Virus kann den sozialen und den biologischen Schutzwall überwinden. Diese Bedrohung erzeugt zuverlässig Angst und Angst beeinträchtigt zuverlässig das vernünftige Denken. Damit bedroht die Pandemie auch das psychische Immunsystem.
Die derzeit einzige Möglichkeit, die Bedrohung zu minimieren, besteht darin, den sozialen Austausch herunterzuregeln, und damit die Übertragungen zu erschweren. Und auch das kann die psychische Regulation massiv in Mitleidenschaft ziehen.
Es ist ziemlich schwierig, nichts anderes gegen eine Bedrohung unternehmen zu können, als meistens Zuhause zu bleiben und draußen eine Maske zu tragen.
Es kann helfen, sich einen Moment zurückzulehnen, die Augen zu schließen, wahrzunehmen, dass man atmet, und sich dabei mit der Wirklichkeit der eigenen Existenz verbindet.
„Ich bin jetzt hier!“ ist eine Aussage, die helfen kann, den Blick wieder zu klären. Diese innere Handlung schafft einen Raum, der die Orientierungsfähigkeit unterstützt. Aus dieser Perspektive werden Gefahren angemessen wahrgenommen und die notwendigen Handlungen plausibel.

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