faktisch – postfaktisch

Das Geplapper des globalen Dorfs dringt offenbar bis in meine Stille vor. Fakten, Tatsachen, Realitäten und deren Verwendung in sog. Wahrheiten, die mit den Fakten nichts mehr zu tun haben, sondern nur noch Meinungen ausdrücken und Tendenzen stärken wollen.

In meiner Selbstbeziehung kenne ich das auch. Ich bemerke mitunter, dass ich einige Fakten über mich selbst lieber ignoriere oder mit schöner male, als sie es wirklich sind. Fakt ist, dass ich mit strammen Schritten auf die Sechzig zugehe und ich mich immer wieder lieber wie ein Teenager fühle, der gesünder ist und noch ein längeres Leben vor sich hat.

Mit meinen Liebsten kenne ich die Auseinandersetzung darüber, was jetzt eigentlich ein Faktum ist – mehr mit meiner Tochter und etwas seltener mit meiner Frau – es sind meistens so Banalitäten wie: das ist doch vor fünf Jahren passiert – Nein vor sieben Jahren u.Ä.

Hohe Wellen schlägt der Begriff im sozialen Raum – US Wahlkampf, die neue Rechte in Deutschland und Europa, die Nachrichten in Russland. Krasse postfaktische Wahrheiten (z.B. Leugnung des Holocaust), haben die Potenz, mich auf die Palme zu bringen. Sogenannte Realpolitiker erlebe ich so, als ob diese ständig fatale Realitäten schaffen, die sie dann mit noch fataleren Mitteln bekämpfen wollen. Die Strategie, Tatsachen zu leugnen (Klimawandel) und Stimmungen mit Lügen anzuheizen (Migration), verursacht mir mindestens Übelkeit, mitunter heftige Wut.

Wenn ich diesem Begriffspaar in meiner Körpersphäre nachspüre, wird schnell ein doppeltes Empfinden wahrnehmbar. Mein Hintern, mein Wirbelsäule und Körperrückseite fühlen sich fest an (Fakten) – in meinem Brustkorb, im Kehlbereich und im Gesicht spüre ich viele Bewegungsimpulse, die keine Richtung finden (postfaktisch).

Die Stimmungen sind entsprechend – ruhig und zuversichtlich bei den Fakten; aufgewühlt und kämpferisch beim Postfaktischen (was man ja auch schlicht und einfach als Lügen bezeichnen könnte).

Ich denke, dass die angemessene Würdigung von Fakten, die Grundlage für angemessene Entscheidungen sind. Die Diskussion darüber, welche Bedeutung irgendein Faktum hat, sollte möglichst breit geführt werden. Der Unterschied zwischen einem Faktum und der Bedeutung, die ihm erteilt wird, ist erheblich. Das Faktum ist einer objektiven Welt zugeordnet, die Bedeutung wird in einem sozialen Raum erteilt und in aller Regel sind Fakt und Bedeutung nicht deckungsgleich.

Ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, die Trennschärfe zwischen Fakten und (meinen) Bedeutungserteilungen hinzubekommen – bezogen auf mich selbst, auf die Beziehungen zu mir wichtigen Menschen und im sozial-politischen Raum. Erstrebenswert finde ich, meine Toleranz weiter zu entwickeln, Toleranz dafür, dass andere Menschen, Fakten anders deuten können. Mutig möchte ich aber auch sein – mutig den polarisierenden Stimmungsmachern entgegentreten und gegen Lügen ankämpfen.

In der Abschlussstille nehme ich wahr, wie sich die Festigkeit meines Rückens mit der Unruhe in der Brust vermählt hat – ich fühle mich streitlustig. Ich werde mich den Hetzern mit kämpferischem Humanismus entgegenstellen.

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