Gewalt – gewollt?

Die Anschläge von Paris lassen mich nicht kalt, auch wenn ich mir viel Mühe gebe, mir die Bedeutung nicht zu nahe kommen zu lassen.

In meinem Selbstumgang kenne ich verschieden Formen von mehr oder minder subtiler Gewalt. Schmerzhafte Gewalt habe ich mir als Teenager zugefügt, als ich mich selbst tätowiert habe. Dass ich immer noch rauche, könnte als milde Form der Gewalt gelten. Ähnlich ist es mit meinen Selbstgesprächen – als Teenager und Junger Mann habe ich mich häufig selbst abgewertet bis hin zur Verachtung. Heute habe ich einen deutlich milderen Selbstumgang entwickelt.

Im Beziehungskontext kenne ich Gewaltimpulse ebenfalls, vor allem aus der Vergangenheit. Situationen, in denen ich mich ohnmächtig und/oder verletzt gefühlt habe, haben regelmäßig Gewaltfantasien und –Impulse heraufbeschworen – es ging so manches Glas zu Bruch, aber ich konnte mich soweit beherrschen, nicht auf die vermeintlichen Täter*innen loszugehen – es sei denn mit Worten, die allerdings über ein gewaltiges Gewaltpotenzial verfügen.

Im sozialen Kontext hatte und habe ich wenig Erfahrung mit Gewalt – ich habe mich stets am Rand von Gruppen aufgehalten. Die wenige Erfahrung, die ich habe ängstigt mich eher – eine aufgeputschte Truppe, die zu wissen glaubt, dass sie für das Gute kämpft entwickelt eine beträchtliche und mitreißende Dynamik – der Verstand tendiert dahin, sich zu verabschieden.

Wenn ich auf die Empfindungen meines Körpers zum Thema achte, dann spüre ich deutlich meine Augen- und Kinnpartie, meine Hände und Arme.

Emotional sind die Augen mit Trauer und Schmerz assoziiert, Arme und vor allem die Hände mit maßloser Wut und Killerimpulsen.

Rational kann ich die Gewalt in den Kontext von Wut – ausgelöst durch Schmerz, Unfairness und Grenzverletzungen setzen. Die Fähigkeit, in der Wut gewalttätig zu werden ist eine angeborene Option – diese Impulse zu beherrschen und/oder zu kanalisieren eine Aufgabe der Zivilisation. Gewalt hat viele Gesichter – die Gewalt im Sinne einer militärischen oder quasimilitärischen Ausübung, aber auch die Gewalt von Gesetzen und Bestimmungen, die Ausgrenzen und Diffamieren und sicher noch andere.

Für mich selbst habe ich bereits erreicht, dass meine Wut mit mich (meistens) nicht mitreißt. Ich würde gerne erreichen, dass es mir gelänge, zu trauern, wenn mir etwas angetan wird, wenn ich etwas verliere oder ich Schmerzen habe. Ich befürchte aber, dass ich zu oft vermeiden will, mein Gesicht zu verlieren oder mich schwach zu zeigen.

Wünschen würde ich mir, dass die Fähigkeit zu trauern noch von viel mehr Menschen genutzt werden würde – ist es nicht auch ein Aspekt von Terror, dass die Hinterbliebenen die Trauer fühlen, die die Täter schon lange verdrängt haben?

Ich könnte mir vornehmen, nach der Wut auch nach dem Verlust und der Trauer zu suchen und über das Mitgefühl mit mir selbst auch wieder Mitgefühl für vermeintlichen Täter*innen zu entwickeln.

Gelänge mir dies, würde ich wohl mehr Gelassenheit entwickeln – mehr Annahme dessen, was so ein Leben mit sich bringen kann.

Gewalt ist kein Naturgesetz.

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