Ordnung

„Ordnung ist das halbe Leben“ heißt es – und „Ordnung muss sein“ ist mir als Deutscher auch sehr vertraut.

Im Umgang mit mir selbst erlebe und verhalte ich mich ein wenig ambivalent zur Ordnung. Einerseits sehr diszipliniert – pünktlich und aufgeräumt und andererseits immer gut dafür, etwas aufzuschieben und irgendwo ist immer noch eine Ecke, in der gerade nicht aufgeräumt ist. Ich schätze meine Routinen, auf die ich ordentlich aufpasse, die ich ungern unterbreche oder verändere.

Im Umgang mit meiner Liebsten und meiner Tochter erlebe ich mich öfter so, dass mich die „fremde“ Unordnung eher stört, als meine eigene. Das gilt vor allem in den gemeinsam bewohnten Räumen – der Küche, dem Wohnzimmer und in Bad und Klo. Gerade habe ich geputzt und schon kommt wieder eine und kleckert herum, ohne es wegzuputzen – krümelt das Sofa voll, ohne es wegzusaugen usw. usf.

Im sozialen Umfeld kommt sofort die Assoziation von „Recht und Ordnung“ in mir auf. Was Recht ist und wie es durchgesetzt wird, ist eine Frage, bei der ich mich immer wieder gut aufregen kann. Ganz aktuell das Thema der Syrien Flüchtlinge und welchen Status sie in Zukunft erhalten sollen. Häufig erlebe ich mich eher trotzig und bockig gegen fremdgesetzte Ordnungskriterien – auch wenn ich im nächsten stillen Moment einsehe, dass Kriterien irgendwie gesetzt werden müssen – aber ausgerechnet so?

In meiner Körpersphäre spüre ich mit dem Begriff Ordnung vor allem meine Körperoberfläche – sie fühlt sich entspannt, fast schon heiter an.

Mehr in der Tiefe kann ich dann leicht in Kontakt mit dem Trotz kommen, mit dem Impuls, meine Ordnung selbst bestimmen zu wollen.

Ich denke, dass Ordnung ein Effekt der Selbstorganisation des Universums darstellt. Ordnung stellt sich ein, wenn Energien und Strukturen durch Flüsse miteinander kommunizieren und zeitstabile Systeme erschaffen, die auf einen Menschen geordnet wirken. Dieser Ordnungseffekt wirkt meiner Ansicht nach auf allen Systemebenen – von der biologische über die psychische bis zur sozialen.

Ich möchte gerne erreichen, dass es mir gelingt, meine Angelegenheiten ordentlich und vor allem zeitnah zu erledigen. Ich bemerke dabei meinen Trotz, der vermeiden will, dass ich allzu gehorsam erscheine.

Wünschen würde ich mir eine ordentliche, nämlich gerechtere Weltordnung, in der die Menschenwürde nicht vom Zufall der Geburt abhängig ist.

Für mich wäre es wohl wirklich ein Schritt, meine Pflichten nicht immer erst in letzter Minute anzugehen und das Bedürfnis des Trotzes, meine Autonomie zu spüren, auf andere Art stillen zu können.

Ich vermute, dass ich mein immer wieder leicht gestresster Zustand dadurch etwas Ruhe finden würde. Möglicherweise wäre ich sogar toleranter dem „Fremdchaos“ gegenüber.

In Abschlussstille taucht die Einsicht auf, dass Ordnung ein Prozess und keine statische Struktur ist.

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