Mit Gefühl – mitgefühlt

Mitgefühl oder Empathie ist eine häufig geforderte und gewünschte Fähigkeit, bzw. Tugend. Mitgefühl ist nicht gleich Mitleid und ich denke, dass Mitgefühl von der Ergänzungstugenden Abgrenzung und Wahrhaftigkeit profitiert.
Mitgefühl mit mir selbst ist eine immer wieder neue Herausforderung. Wenn ich etwas nicht so hinbekomme, wie ich es mir gedacht habe, wenn ich etwas trotz Vorsatz nicht geschafft habe oder auch etwas geschafft habe, was ich eigentlich nicht schaffen wollte. Leichter fällt mir das mitfühlen mit meiner Liebsten. Allerdings gibt es auch hier Gelegenheiten, bei denen ich eher gereizt als mitfühlend reagiere. Im sozialen Kontext fällt mir Mitgefühl am leichtesten, vor allem wenn eine „leidende Gruppe“ relativ weit weg ist. In einer konkreten Gruppe, in der ich teilhabe, ist das dann schon wieder schwieriger.
Körperlich fühlt sich Mitgefühl toll an. Mein ganzer Körper wird weicher, mein Puls und meine Atmung beruhigen sich und mein Gesicht entspannt sich. Emotional bin ich von Liebe und Zuversicht erfüllt, auch wenn ich die Not eines anderen gut wahrnehmen kann. Kognitiv befinde ich mich dann auf einer sehr abstrakten Ebene, von der aus ich die Relativität der Phänomene betrachten und akzeptieren kann.
Diesen Zustand von Mitgefühl möchte ich möglichst häufig erreichen und ich versuche zumindest, ihn ständig zu üben. Leider kann ich es nicht vermeiden, auch immer wieder in andere Zustände zurück zu fallen – in egoistischen Neid, in konformistische Parolen oder in besserwisserische Expertenkenntnisse. Dann ist wieder mein Selbstmitgefühl gefordert, mich dafür nicht zu verurteilen.
Meine Hoffnungen gehen dahin, dass ich die Zeitspannen des Mitgefühls ausweiten kann und dass meine Mitgefühlspraxis ein wenig auf meine Mitmenschen ausstrahlt. Ängste kann ich dann finden, wenn es mir trotz Anstrengung, nicht gelingt das Mitgefühl in mir zu finden. Es ist eine etwas diffuse Angst, die mit ebenso diffusem (Welt)Schmerz vermischt ist – ich beginne dann selbst zu Leiden, in Selbstmitleid abzurutschen.
Ich arbeite inzwischen konkret an meinen Fähigkeiten des Mitfühlens. Regelmäßige Meditation und Versuche, auch unsympathischen Menschen mitfühlend zu begegnen. Wenn es mir gelingt, einen unsympathischen Nachbarn freundlich zu grüßen, fühlt sich das gut für mich an – spätestens wenn ich dann hören muss, dass er mich wieder beschimpft, wird die Herausforderung größer. Meine Fortschritte marschieren nicht gerade, aber ich denke, ich komme auch mit kleinen Schritten voran.

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